LEHRSTUHL FÜR MANIPULATIVE SOZIOTECHNIKEN

AN DER SLUBFURTER EUROPAUNIVERSITÄT VIADRINA

 



Slubfurt erste deutsch-polnische Stadt an der Oder

Unser Korrespondent Piotr Szrek sprach mit Stadtarchitekt
Michael Kurzwelly.

Herr Kurzwelly, erzählen Sie uns bitte in einigen Sätzen etwas über die Geschichte Ihrer Stadt.

Hervorgegangen ist Slubfurt aus den beiden Städten Slub und Furt an der deutsch-polnischen Grenze, mit ihren zwei Kulturen, zwei Sprachen und zwei Realitäten in zwei Ländern. Slubfurt wurde am 08. November 1999 auf einer gemeinsamen Stadtratssitzung gegründet und dann am 29. November 2000 in das europäische Städteregister eingetragen. Der Stadtverband Slubfurt setzt sich aus den zwei Stadtparlamenten der beiden Stadtteile Slub und Furt zusammen. Beide Stadtverwaltungen gemeinsam bilden den Slubfurter Stadtrat, aus dessen Mitte im 4-Jahresszyklus der Oberbürgermeister gewählt wird - abwechselnd aus Slub und Furt. Diese Regelung ist allerdings derzeit umstritten, denn bereits unser derzeitiger Bürgermeister, Herr Dr. Wladyslaw Müller, lässt sich weder eindeutig der einen oder anderen Seite zuordnen. Geboren in Slub und aufgewachsen in Furt, studierte er europäisches Recht und Städteplanung am Collegium Polonicum in Slub. Heute amtiert er im neuen Rathaus auf der Stadtbrücke.

Was hat die Einwohner der beiden Grenzstädte dazu bewogen, sich zu einer Stadt - zumal über eine Staatsgrenze hinweg - zusammenzuschließen?

Das ist ein komplexer Vorgang, der heute noch andauert, eine prozesshafte Entwicklung. Es hat etwas mit der Identität der Menschen zu tun. Auch Slubfurt ist in große Prozesse eingebettet. Globalisierung der Wirtschaft, Beitritt Polens zur EU, Entmachtung nationalstaatlicher Politik, aber vor allem Sinnkrisen und Ängste der Bürger in einer individualisierten Multioptionsgesellschaft drückten sich in Spannungen und Hektik auf der einen Seite und in Lethargie, Depression und Rückzug auf der anderen Seite aus. Eine Sinnkrise auf beiden Seiten der Oder. Aber Not macht erfinderisch. Wir gründeten eine kleine Bürgerinitiative, die einen folgenreichen Prozess in Gang setzte. Die TeilnehmerInnen kamen aus Slub und aus Furt, viele von Ihnen waren neu zu uns gezogen und brachten den frischen Blick von außen mit. Wir behaupteten einfach, hier in Slubfurt zu sein. Man verspottete uns, belächelte uns oder ignorierte uns einfach. Aber wir machten weiter, ließen uns nicht beirren und eröffneten ein zweisprachiges Slubfurter Informationszentrum, gründeten den Slubfurter Jugendklub und lebten Slubfurt. Überregional schenkte man uns Aufmerksamkeit. In Polen und Deutschland begann man über die wundersame Stadt Slubfurt an der Oder zu reden, die Touristen fuhren nicht mehr nach Slub oder Furt, sondern nach Slubfurt. Eines Tages bekannte sich auch der Bürgermeister von Furt in einem Interview mit der TAZ dazu, ein Slubfurter zu sein. Der Prozess verselbständigte sich. Die Politiker von Slub und von Furt erkannten, dass Slubfurt ein Prädikat, ein Gütesiegel, eine Marke geworden war, die es zu nutzen galt.

Was hat Sie auf die Idee gebracht, Slubfurt zu gründen?

Geboren bin ich in Darmstadt, aufgewachsen in Bonn, drei Jahre habe ich in Frankreich und acht Jahre in Poznan, gelebt, bevor ich hierher kam. Das verändert den eigenen Blick auf die Welt. Meine Identität ist durch das Leben in unterschiedlichen Kulturen und Sprachen geprägt. Ein Teil von mir ist mit Polen verwachsen, ein weiterer Teil mit Frankreich… Ich bin aus Polen nach Furt gekommen, weil Furt an der Grenze zweier Realitäten liegt, weil ich mich in dem Spagat zwischen den Kulturen am wohlsten fühle, weil ich nur über die Brücke gehe und schon in Slub bin. Aber ich war neu hier, viele Menschen auf beiden Seiten der Oder dachten anders. Ich wollte mich hier wohlfühlen, deshalb habe ich Slubfurt entwickelt, eine Stadt, die zunächst nur in meinem Kopf existierte. Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass eine gute Idee bereits eine neue Realität darstellt, dass bereits mein veränderter Blick meine Umgebung verändert.

Ging es denn nur um Ihre eigene Wahrnehmung der Realität oder steckte die Absicht dahinter, die Gesellschaft zu verändern?

Ich bin kein Träumer, der sich eine Traumwelt erschafft, um sich das Leben angenehmer zu machen. Mich beschäftigt die Frage nach der eigenen Identität, nach Lebensgrundsätzen und Denkstrukturen, die mich geprägt haben. Indem ich mit "Slubfurt" einen neuen Lebensraum definiere, stelle ich existierende Strukturen in Frage und biete die Möglichkeit, sich daran zu reiben. Wo liegt meine Heimat? In Bonn, in der Normandie, in Poznan, in Furt oder in Slub? Ich habe beschlossen, meine neue Heimat Slubfurt zu nennen. Der Begriff ist letztendlich eine Metapher für einen Lebensraum zwischen den bereits abgesteckten Räumen. Ich habe mich mit den Städten Slub und Furt auseinandergesetzt. In beiden Städten ist kaum einer verwurzelt. Der zweite Weltkrieg und die darauf folgende Ost-Westverschiebung der polnischen Grenzen hatte eine Zwangsumsiedlung großen Stiles zur Folge. Slub war vor dem Krieg Vorort von Furt. Durch den Krieg erst wurden 2 Städte daraus. Die Einwohner von Slub stammen größtenteils aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten, die heute in der Ukraine oder Weißrussland liegen. Sie mussten ihre Heimat verlassen und ließen sich gezwungenermaßen in Slub nieder. Furt wurde in den letzten Kriegstagen von den Nazis zur Festung erklärt. Die Innenstadt brannte völlig aus und die meisten Einwohner flohen oder fielen dem Krieg zum Opfer. Die DDR-Regierung baute die Stadt neu auf, gründete das Halbleiterwerk und siedelte hier künstlich Menschen aus dem gesamten Gebiet der DDR an. Hinzu kamen russische und deutsche Militärkasernen. Die Menschen wurden mit großzügigen Angeboten hierher gelockt, doch für viele wurde die Stadt nie richtig eine Heimat. Allein aus diesem Grunde ist Slubfurt ein Angebot für eine Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. In diesem Sinne will ich sicherlich einen Beitrag für gesellschaftliche Veränderung leisten.

Wäre es nicht besser, Sie würden Politiker werden, um Ihre Ziele umzusetzen? Stattdessen gaukeln Sie uns vor, die Stadt Slubfurt würde wirklich existieren. Bügeln Sie nicht einfach die vielen Unterschiede glatt, indem Sie sie einfach ignorieren? Die Wirklichkeit sieht doch ganz anders aus. Die Slubicer Taxifahrer wehren sich seit Jahren erfolgreich gegen eine beide Städte verbindende Buslinie und nun ist es die Frankfurter Seite, die das Projekt einer gemeinsamen Straßenbahn straucheln lässt. Sie können doch nicht die Augen davor verschließen?

Ich bin Künstler und arbeite mit Slubfurt an einer sozialen Plastik. Ich benutze dafür den Kontext des deutsch-polnischen Stadtraumes Slub-Furt. Ich bin davon überzeugt, dass durch Slubfurt Möglichkeiten und Unterschiede hervortreten und ausgesprochen werden können. Dabei arbeite ich unter anderem mit der Methode der Wirklichkeitsinszenierung. Im Juli 2004 wurden die ersten 25 Meter der "Slubfurter Stadtmauer" auf dem Plac Bohaterów eingeweiht. Die Mauer steht auf einem gedachten, mit dem Zirkel gezogenen Kreis, der die Stadtzentren von Frankfurt und Slubice umschließt. Er beschreibt eine Schnittmenge aus den Mengen Deutschland und Polen, die ich eben Slubfurt genannt habe. Die Mauer ist 50 Zentimeter hoch und kann somit auch als Bank genutzt werden. Sie ist ein Ort der Kommunikation und ein Stolperstein für eine Auseinandersetzung mit diesem gedachten neuen Stadtraum. Derzeit prüft Frankfurt den Bau eines zweiten Teilstücks. Damit ist bereits ein Prozess der Auseinandersetzung begonnen. In einem leerstehenden Laden in der Grossen Scharrnstraße befindet sich seit Juli 2004 das Slubfurter Informationszentrum, das äußerlich ganz wie eine Touristeninformation aussieht. Hier kann man den Slubfurter Stadtführer mit Stadtplan inklusive einem Film auf DVD über die Stadt Slubfurt erstehen, sowie 10 verschiedene Postkartenansichten, Slubfurter Wein und andere Souvenirs erhalten. Tatsächlich werden wir dort häufig von Touristen besucht, denen wir die Stadt erklären. Außerdem gibt es einen als mobile Touristeninformation umgebauten VW-Bus, mit dem ich bereits in Berlin und Poznan für Slubfurt geworben habe. Der Bus und das Infozentrum werden vom Slubfurter Stadtwappen, einem Hahn auf einem Ei, geschmückt. Wir bieten Stadtführungen durch Slubfurt an. Ich führe dann die Gruppen durch Slubfurt und erkläre ihnen, wie unsere Stadt funktioniert - und häufig glauben sie mir oder halten Slubfurt zumindest für möglich. Nachdem der Slubfurter Jugendklub 2003 zunächst als Kunstprojekt von unserer Künstlergruppe "Projekt Helmut Kowalski" mit 16 Jugendlichen aus Slub und aus Furt durchgeführt wurde, wird dieser Dank einer Unterstützung durch die Euroregion voraussichtlich ab März 2004 wirklich entstehen. Damit wird dann die erste echte Slubfurter Einrichtung entstehen, bei der Jugendliche beider Städte gemeinsam ihre Freizeit verbringen und im Alltag einen entkrampften und normalen Umgang miteinander lernen können. Slubfurt ist ein Prozess, der nicht erzwungen werden kann, sondern sich langsam entwickelt. Nach 6 Jahren Arbeit wird der Jugendklub eine der ersten sichtbaren Früchte sein. So wird es irgendwann auch eine Buslinie oder eine Straßenbahn geben, davon bin ich überzeugt.

Slubfurt ist aber mehr. Sie sprachen anfangs von einer gemeinsamen Stadtverwaltung. Geht das nicht zu weit? Es gibt kritische Stimmen, die sich zwar für eine gute nachbarschaftliche Zusammenarbeit aussprechen, die aber Slubfurt für eine abgehobene Spinnerei eines Künstlers halten, der versucht, mit den Einwohnern sein Spiel zu treiben.

Ja, in gewisser Hinsicht ist Slubfurt ein Spiel, bei dem jeder mitspielen darf. So haben sich bereits einige Einwohner gemeldet, die aktiv und unentgeltlich das Slubfurter Infozentrum mitbetreuen und auch bei anderen Projekten helfen. Etwa 60 Leute sind im Besitz des Slubfurter Personalausweises, den man auch über unsere Internetseite beantragen kann. Der Film über Slubfurt deutet den Grenzübergang zum Slubfurter Rathaus um, an dessen Eingang die Besucher Schlange stehen, um vom Bürgermeister Wladyslaw Müller Kaffee und Kuchen zu bekommen. Kunst kann ein Spiel sein, das mit Humor arbeitet und so die bestehende Realität skurril erscheinen lässt. Das ist beabsichtigt, denn der verschobene Blick ermöglicht andere Sichtweisen. Trotzdem sind die angebotenen Sichtweisen nicht derart abwegig, dass sie unmöglich sind. Die Idee der gemeinsamen Stadtverwaltung orientiert sich an der bereits praktizierten Zusammenarbeit der beiden Städte Kerkrade und Herzogenrath bei Aachen an der deutsch-holländischen Grenze, die den Zweckverband Eurode gegründet haben und damit eine Plattform für einen gemeinsamen Stadtraum über die Grenze hinweg geschaffen haben. Lokalpolitisch betrachtet bin ich überzeugt davon, dass eine Umbenennung von Furt und Slub in Slubfurt der Stadt eine neue Dynamik und neue Perspektiven nicht nur im wirtschaftlichen und touristischen Bereich bringen würde. Was ich einfordern möchte, ist ein Zusammendenken des Stadtraumes bei allen Entscheidungen, ob sie auf der einen oder der anderen Seite gefällt werden. Infrastrukturell gesehen handelt es sich nämlich bereits um einen Stadtraum. Das Furter Hallenbad ist schon heute auch das Schwimmbad von Slub. Bei jeglichen Entscheidung auf der einen Seite sollte man von Anfang an Aspekte der anderen Seite berücksichtigen und in die jeweiligen Beschlüsse einfließen lassen. Deshalb wäre bereits heute ein gemeinsames Gremium für beide Städte von großem Vorteil. Beide Seiten würden mehr voneinander über ihre Probleme, Sorgen; Ängste, Denkweisen und Ideen erfahren. Das versuche ich in meinen Slubfurt-Projekten zu verdeutlichen. So habe ich 2000 das Projekt "smacznego - guten appetit" realisiert, bei dem 16 Gastgeber aus Slub und aus Furt unbekannte Gäste zu einem Abendessen einluden. Zunächst habe ich die 16 Gastgeber gebeten, mir ihren Speiseplan für den 19. Mai um 19 Uhr mitzuteilen. Diesen Speiseplan habe ich dann ohne Angabe von Namen und Adressen in der Gazeta Lubuska und der Märkischen Oderzeitung veröffentlicht. Alle Speisen auf deutscher Seite waren nur in polnischer Sprache angegeben und umgekehrt. Auf diese Weise meldeten sich Sluber Bürger für ein Essen in Furt an und umgekehrt. Gastgeber und Gäste verbrachten den Abend ungestört und mussten selber Wege finden, über Sprachbarrieren hinweg miteinander zu kommunizieren. Ich bat sie, den Abend in selbstgewählter Form zu dokumentieren und zu reflektieren. Die Ergebnisse wurden 2 Wochen später in der Kneipe des Sluber Kulturhauses präsentiert und unser Verein richtete für alle ein kleines Buffet aus. Über 100 Leute kamen da aus unterschiedlichsten Generationen zusammen, die sich ansonsten nie begegnet wären. Das größte Problem beim Zusammendenken von Slub und Furt ist jedoch das bis heute starke Wirtschaftsgefälle, das Ängste auf beiden Seiten schürt. So haben viele Furter Angst vor billigen Arbeitskräften aus Slub und umgekehrt haben viele Sluber Angst, von dem viel größeren und wirtschaftlich stärkeren Furt erdrückt zu werden. Auch hier würden offene Gespräche in einem gemeinsamen Gremium helfen. Das verlangt natürlich verstärkt nach Zweisprachigkeit in beiden Stadtverwaltungen.

Sie sollten also doch Politiker werden….

Als Künstler bin ich auch politisch, aber nicht nur. Ein Politiker muss nach Mehrheiten schauen und sich an Spielregeln politischer Konventionen halten. Als Künstler bin ich nur Vertreter meiner eigenen Ideen und Projekte und kann auch Dinge realisieren, die in den Stadtparlamenten so einfach nicht durchsetzbar sind, wie z.B. der Slubfurter Jugendklub. Gleichzeitig können künstlerische Interventionen durchaus auch Denkprozesse bei Politikern auslösen. Wenn der Oberbürgermeister von Furt sich in den Medien als Slubfurter bezeichnet, oder wenn der Bürgermeister von Slub mit Begeisterung dem Bau eines Stückes der Slubfurter Stadtmauer zustimmt, sind das kleine Erfolge. Außerdem muss Politik nicht institutionalisiert sein. Jedes Individuum kann einen aktiven Beitrag zur Politik leisten, der über die Rolle als Stimmvieh hinausgeht. Ich bin nicht bereit, die Verantwortung allein den Politikern zu überlassen. Jeder Mensch kann sich kreativ-künstlerisch in den Gestaltungsprozess unseres Lebens einmischen. Seit April 2004 habe ich einen Lehrauftrag im Bereich Kulturwissenschaften an der Europauniversität Viadrina. Ich leite ein Seminar unter dem Titel "Slubfurt City?", bei dem sich deutsche und polnische Studentinnen eigene Projekte für Slubfurt ausdenken und umsetzen. Eine studentische Arbeitsgruppe hat die Redaktion der Slubfurter Zeitung "PROFIL" übernommen.

Kommen wir noch einmal zu Ihrem Projekt Slubfurt zurück. Für die Umsetzung Ihrer Ideen benötigen Sie finanzielle Unterstützung. Wie finden Sie die?

Bei meiner Entscheidung, Kunst nicht mehr nur im geschützten Raum einer Galerie zu machen, sondern in den öffentlichen Raum zu gehen, war mir bewusst, dass ich alles selber organisieren muss, von der Finanzmittelakquise über die Öffentlichkeitsarbeit bis zur Umsetzung. Nach der Formulierung meiner Idee stelle ich Anträge bei verschiedenen Stiftungen, Einrichtungen und Fonds. Das ist je nach Profil und Charakter des Projektes unterschiedlich. Das derzeit laufende Projekt "Slubfurt City?" wird u.a. von der Kulturstiftung des Bundes, dem Kulturbüro von Furt und der Wohnbau Genossenschaft gefördert. Es läuft über ein ganzes Jahr und es nehmen viele weitere KünstlerInnen daran teil. Im Rahmen dieses Projektes kommt sowohl die Zeitung "PROFIL" heraus, sind das Infozentrum und die Stadtmauer entstanden, sowie andere Projekte der teilnehmenden KünstlerInnen, wie z.B. ein Projekt zur Förderung der Migration von Schmetterlingen des Künstlerpaares Cinzia Cozzi und Bernardo Giorgi aus Siena, Touristenreisen mit Expresskurs in Polnisch für Berliner nach Slubfurt von Judith Siegmund oder "Probewohnen in Slubfurt" von Christian Hasucha. Im Februar 2005 beginnt das erste Slubfurter Tierstimmencasting der Linzer Künstlergruppe "Transpublic", bei dem Slubfurter Einwohner den Schrei des Slubfurter Hahns imitieren können. Der beste Schrei wird dann über Megaphone stündlich zwischen 7-19 Uhr auf der Stadtbrücke zu hören sein. Aber ich möchte nicht zuviel verraten, besuchen Sie das Slubfurter Informationszentrum oder informieren Sie sich auf der zweisprachigen Internetseite der Stadt Slubfurt (www.slubfurt.net) über bereits gelaufene Projekte und Ankündigungen der nächsten Veranstaltungen. Dort finden Sie auch eine digitale Version unserer Zeitung "PROFIL". Die meisten Projekte laufen über den Verein Slubfurt, den ich gemeinsam mit anderen engagierten Slubfurtern gegründet habe. Als kleiner Verein verfügen wir über kein Personal. Deshalb muss jeder die Verantwortung für die Umsetzung seiner Ideen selber übernehmen, wobei andere im Rahmen ihrer Möglichkeiten helfen. Um auf beiden Seiten als Verein eingetragen zu sein, haben wir de facto zwei gleichnamige Vereine gegründet. Gleichgewicht ist ein wichtiges Element Slubfurter Aktivitäten. Aus diesem Grunde ist unser Vorstand doppelt besetzt. So ist z.B. der Vorsitzende des Sluber Vereins stellvertretender Vorsitzender in Furt und umgekehrt. Alle Mitglieder in dem einen Verein sind automatisch auch Mitglieder im anderen. Wir verstehen uns als Netzwerk verschiedener Akteure, deren gemeinsames Ziel die Vernetzung von Slub und Furt auf unterschiedlichsten gesellschaftlichen Ebenen ist. Es ist also kein Kunstverein, sondern erlaubt eine Auseinandersetzung mit dem Stadtraum auf unterschiedlichsten Ebenen. So ist kürzlich im Rahmen des Vereins der Slubfurter Kite-Surfing Klub entstanden. Es handelt sich dabei um einen Sport, bei dem ein Surfer von einem Drachen gezogen wird. Im Frühling, wenn die Oderwiesen in Slubfurt überschwemmt sind, werden wir sicher zum ersten Slubfurter Kite-Surfing Wettbewerb einladen können.

Wie geht es ab Mai 2005 weiter, wenn das Projekt "Slubfurt City?" beendet ist? Haben Sie damit nicht das Potenzial Ihrer Idee ausgeschöpft?

Mit Beendigung des Projektes entsteht eine Reklamebox der Stadt Slubfurt, die wir dann gerne gegen eine kleine Spende an unseren Verein an Schulen und andere Bildungseinrichtungen verschicken. Sie enthält 4 Ausgaben der Zeitung PROFIL, Postkartenansichten, Stadtführer mit Film, einen weiteren Film über unsere Stadt und viele weitere Überraschungen. Es geht aber weiter. Bis dahin wird hoffentlich der Slubfurter Jugendklub bereits seine Tätigkeit aufgenommen haben und es sind bereits weitere Projekte geplant, deren Durchführung allerdings von Förderzusagen abhängt. In dem Projekt "Umleitung-Objazd" wird sich unsere deutsch-polnische Künstlergruppe "Projekt Helmut Kowalski" mit den Nachbardörfern Gozdowice und Güstebieser Loose beschäftigen. Vor dem Krieg gehörten die Dörfer zusammen. Durch eine Umleitung der Oder um beide Dörfer herum werden sie wieder zu einem Dorf. Unter aktiver Teilnahme der Einwohner soll dann das gemeinsame Leben dieses neuen bikulturellen Dorfes gestaltet und geplant werden. Für 2007 habe ich zusammen mit Roland Schefferski der Europauniversität Viadrina die erste Durchführung der "Slubfurt Triennale" vorgeschlagen, bei der im Dreijahreszyklus international WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen Arbeiten zum Thema Grenze, Identität, Migration, Regionalität und Globalisierung vor Ort im Kontext unseres transkulturellen Slubfurter Stadtraumes realisieren sollen. Es handelt sich dabei um ein Großprojekt, dass am Beispiel einer regionalen Situation überregional Denkanstöße zum Wandlungsprozess unserer Gesellschaften geben kann und gleichzeitig einen Beitrag zur Entwicklung des Slubfurter Stadtraumes leisten kann.

Deutsch-polnische Doppelstädte, wie Slub und Furt - zumal mit einer deutsch-polnischen Universität - sind in einer durchaus privilegierten Lage. Die Chancen für Slubfurt stehen trotz hoher Arbeitslosigkeit auf beiden Seiten der Grenze nicht schlecht. In anderen Orten Brandenburgs - vor allem auf dem Land - sieht es wesentlich schlechter aus. Verständlicherweise verlassen vor allem junge Leute unsere Region. Viele zieht es Richtung Westen. Resignation und Lethargie machen sich breit. Sehen Sie auch hier Chancen, mit ähnlichen künstlerisch-gesellschaftlichen Projekten einzugreifen?

Slubfurt ist im Kontext einer spezifischen Situation entwickelt worden und kann nur hier in dieser Form umgesetzt werden. Als uns der Neulewiner Verein "Bezgranic" eingeladen hat, ein Projekt für Güstebieser Loose und Gozdowice vorzuschlagen, sind wir erstmal dorthin gefahren und haben uns vor Ort informiert. Den Vorschlag für das Projekt "Objazd - Umleitung" haben wir erst anschließend erarbeitet. Dasselbe gilt für jeden anderen Ort in Brandenburg. Eine schwierige Situation vor Ort ist eine Herausforderung für mich, der ich mich gerne stelle. Es geht darum, Potenziale zu entdecken und Probleme in Chancen umzudeuten. So gibt es z.B. eine interessante Bürgerinitiative gegen das Bombodrom. Wenn schon Engagement von unten da ist, ist bereits eine gute Ausgangssituation gegeben. Doch erlebe ich oft, dass sich Initiativen im Kampf gegen etwas erschöpfen…. gegen Ausländerfeindlichkeit, gegen Arbeitslosigkeit, gegen das Bombodrom. Es ist wichtig, gegen Ausländerfeindlichkeit oder ausländerfeindliche Asylgesetze auf die Straße zu gehen. Genauso wichtig ist es dann aber auch, selber etwas für die Integration von Ausländern zu tun und nicht erst auf irgendwelche Entscheidungen von Politikern zu warten. So könnten einzelne Mitglieder von Bürgerinitiativen z.B. Patenschaften für Asylbewerber übernehmen und ihnen bei der Integration behilflich sein. Dafür braucht man keinen Politiker um Genehmigung zu bitten. Am Beispiel des Bombodroms wiederum lässt sich vielleicht das Prinzip der Umdeutung deutlich machen. Der Ort für das Bombodrom wurde sicherlich deshalb gewählt, weil es sich um eine wirtschaftlich und infrastrukturell schwache Region handelt und das abgesteckte Gebiet bereits Militärgebiet der russischen Armee war. Man kann also überlegen, welche andere, für die Region existentiell wichtige Funktion das Gelände übernehmen könnte. Wenn eine Bürgerinitiative sich dieser Idee widmet und ein schlaues und überzeugendes Konzept entwickelt, das möglichst ohne Großinvestitionen von der Initiative selbst gestartet werden kann, dann hat man eine Trumpfkarte in der Hand, die auch von Politikern nicht übersehen werden kann. In einem zweiten Schritt kann einfach mit der Umsetzung begonnen werden, begleitet von Höhepunkten, die medial und überregional Aufmerksamkeit erzeugen. Anarchischer Humor kann dabei nicht schaden. Es geht darum, das scheinbar Unmögliche als Möglichkeit zu denken. Nehmen wir z. B. den Häuserleerstand in Furt. Nacheinander werden ganze Häuserblöcke dem Erdboden gleichgemacht. Ich habe der Stadt vorgeschlagen, stattdessen die Häuser mit Erde zu füllen und die Fensterlöcher mit Büschen und Bäumen zu bepflanzen. Dadurch entstehen wunderbare Skulpturen, die gleichzeitig das Vergangene nicht einfach wegwischen. Diese Skulpturen können ein Magnet für Touristen werden, die von nah und fern anreisen, so manchen Euro dalassen und einen Beitrag zur Entwicklung der Region leisten. Ich habe vor, diese Idee auszuarbeiten und einzureichen. Sollte sie nicht realisiert werden, so macht sie trotzdem deutlich, dass durch kreatives Andersdenken neue Potenziale entdeckt werden können.

Herr Kurzwelly, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Kontakt: Slubfurt e.V. c/o Michael Kurzwelly Tunnelstraße 10 EU/D-15232 Slubfurt Tel: 0335-4012774 Mail: motyl@slubfurt.net Website: www.slubfurt.net

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