"Das betrifft Dich"

 

Roland Schefferski (EU/PL) 04/2005




DAS BETRIFFT DICH - TO DOTYCZY CIEBIE
eine Intervention von Roland Schefferski anlässlich des Slubfurt City? Projektes im Stadtraum Frankfurt an der Oder und Slubice - an der deutsch-polnischen Grenze

Was entscheidet stärker über den sich ständig verändernden Charakter einer Stadt: Ihre architektonische Struktur - also ihre Bauten und Strassen - oder ihre Bewohner? In Frankfurt an der Oder und Slubice leben die Menschen getrennt durch einen Fluss, der zur Staatsgrenze geworden ist. Deutsche und Polen: Sie dürften diese Nachbarschaft als etwas Natürliches empfinden. Ist es aber tatsächlich so, oder trennt sie noch zusätzlich eine Kluft aus Unkenntnis, Desinteresse, manchmal sogar gegenseitiger Abneigung? Oder spielen vielleicht, wie in jeder normalen Stadt, die sie miteinander verbindenden Bande oder trennenden psychologischen Barrieren eine wichtigere Rolle? Was wissen sie und was halten sie voneinander, vor allem diejenigen, die zur unmittelbaren Nachbarschaft nicht mehr - so wie die Generation ihrer Großeltern und Eltern - gezwungen worden sind. Und was änderte sich für die Einwohner dieses binationalen Stadtraums nach dem EU-Beitritt Polens?


Die neue europäische Gemeinschaftswährung befindet sich in Deutschland schon im Umlauf und mit der Präsenz von global agierenden Konzernen rollt der Euro langsam weiter, u.a. auch nach Polen. Diese Entwicklung beobachtend, habe ich mich entschlossen, als Medium für meine künstlerische Intervention Geld, präziser gesagt Münzen, zu benutzen. Münzen spiegeln viele Aspekte der menschlichen Gesellschaft im Laufe ihrer Geschichte wider. Sie haben als Handelsmittel stets im Leben des Menschen einen besonderen Platz angenommen. Aus historischer Sicht lassen sich Münzen kaum von der Entwicklung der Gesellschaft trennen. Das Münzbild, wie auch die Inschrift, spielte schon immer eine wesentliche Rolle - und Münzen haben deshalb oft wichtige Inschriften oder Darstellungen aufgeprägt bekommen. Anknüpfend an diese Tradition wählte ich Münzen als Träger meiner künstlerischen Botschaft. Speziell für das Slubfurt City? Projekt habe ich eine Serie von Euro-ähnlichen Münzen prägen lassen. Auch anlässlich der Teilnahme an diesem Projekt will ich einen wesentlichen Aspekt meiner bisherigen künstlerischer Arbeit berücksichtigen: die Idee der überschreitenden, an jedem Ort realisierbaren Kunst. Kunst, die sich als Kommunikationsmittel überall einsetzen lässt.


Auf den ersten Blick unterscheidet sich die von mir entworfene Münze nur ein wenig von den sich bereits im Umlauf befindlichen Euro-Münzen. Ich versah sie mit der zweisprachigen Inschrift: DAS BETRIFFT DICH - TO DOTYCZY CIEBIE. Im Verlauf des Slubfurt City?- Projektes werde ich einige hundert Exemplare dieser Münze an möglichst vielen Orten in beiden Teilen der Stadt, als quasi "verlorene" Münzen, verstreuen. Die Betrachter aus Frankfurt und Slubice erhoffe ich, dadurch auf eine sehr persönliche, beinahe intime Weise erreichen zu können. Ich möchte ihnen eine Überraschung bereiten. Diejenigen, die plötzlich meine Münzen auf den Strassen, in den öffentlichen und privaten Gebäuden von Frankfurt und Slubice usw. finden, will ich auf unsere gemeinsame, aus der Vergangenheit resultierende Verantwortung aufmerksam machen. Diese Intervention begreife ich als meine künstlerische Botschaft, die sich jedoch nicht nur ausschließlich auf die Vergangenheit, sondern eher auf unsere Gegenwart und unsere Zukunft bezieht. Damit meine ich die gegenwärtige Kondition der globalen Gesellschaft, aber auch unsere gemeinsame europäische Zukunft. Die neuen Freiheiten eröffnen uns neue Wahlmöglichkeiten und deshalb ist es wichtig, eine größere Verantwortung für die Konsequenzen unserer Entscheidungen zu übernehmen. Nichts war und ist so verheerend in ihren Folgen wie die Gleichgültigkeit der Menschen.


Zwar weiß ich nicht, ob es mir gelingt, jemanden für diese Verantwortung zu sensibilisieren. Vielleicht gelingt es mir auch nicht, eine Debatte zu diesem Thema anzustoßen. Meine Botschaft kann man nämlich beliebig interpretieren. Wenn aber die Finder dieser Münze irritiert über die Unklarheit meiner Aussage sich doch in irgendwelcher Weise angesprochen fühlen, dann entsteht hoffentlich bei ihnen das Bedürfnis, sich mit den anderen auszutauschen. Und wenn dies am Ende lediglich zu privaten Gesprächen führt, dann erfüllt mein Eingriff in die öffentliche Sphäre dieses Stadtraums seinen Zweck. Die dabei entstandene Möglichkeit, den potenziellen Betrachter zu beunruhigen, ihn aus seiner alltäglichen Gewöhnung "heraus zu katapultieren" und dazu zu bringen, sich Gedanken darüber zu machen, erscheint mir eines Versuches wert.



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Roland Schefferski